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Ode an die Schnapsidee

Kennen Sie noch die Euphorie, die einen erfasste, das Gefühl, das einen übermannte, als man die Schule endlich abgeschlossen hatte, das Studium beendete oder den Gesellenbrief in der Tasche hatte?
Die Welt stand einem offen – zumindest für eine gewisse Zeit, bis die ersten Briefe vom Amt im Briefkasten lagen und der Staat wissen wollte, welchen Status man denn nun zu begleiten gedachte.

Eine wunderschöne Zeit. Man saß in seiner Lieblingsschenke, beim Späti um die Ecke oder in der KüFa seines Vertrauens und überlegte, was man Schönes machen könnte. So viel freie Zeit hatte man noch nie gehabt. So offen und ungewiss war die Zukunft.
Es war die Zeit für Schnapsideen.

Man war (noch) nicht an dem Punkt, an dem alle Überlegungen nach Sinnhaftigkeit, Relevanz fürs spätere Leben, Machbarkeit oder Rücksicht auf die Familie abgeklopft werden mussten. Es war auch die Zeit des Einfach-mal-Machens. Keine Idee war zu schräg, kein Vorhaben zu abgehoben, kein Plan undurchführbar.
Es folgte eine Zeit, deren Intensität später kaum zu überbieten war: langlebige Erfahrungen, Zusammentreffen mit Menschen, die uns prägten, Ereignisse, von denen wir 30 Jahre später noch erzählen.

Yes!
Das erste Drogenerlebnis bei 150 BPM, ein unerwarteter Kuss in einer dunklen Gasse in einer Altstadt am Ende der Welt, eine Panne bei 40 Grad im Nirgendwo, Nightswimming im glitzernden Ozean.
Es war auch die Zeit der Sinnsuche, der großen Fragen ans Leben – und des Ausprobierens.
Getreu dem Motto: Der kürzeste Weg zu sich selbst ist einmal um die Welt herum.

Und heute – 30 years further down the road – herrscht die Diktatur der Vernunft, der Sinnhaftigkeit, des Mehrwerts!
Unsere Reisen gleichen den Einkaufsstraßen deutscher Innenstädte. Oder wie es Henry Ford einmal sagte: „Sie können jede Farbe haben, solange es nur schwarz ist.“
Es herrscht Langeweile auf dem Reisemarkt. Austauschbarkeit allerorts. Kreativität wird kleingeschrieben, Profit und Skalierbarkeit hingegen groß.
KI als große Hoffnung – und doch der Sargnagel der Reisevielfalt. Aber genau das entspricht dem Zeitgeist.

Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem seit Jahren sinkenden Alkoholkonsum in Deutschland und unserer Art zu verreisen?

Es ist an der Zeit, dem Mehrwert den Kampf anzusagen, dem gesunden Menschenverstand zu widerstehen und dem Chatbot die kalte Schulter zu zeigen.
Stattdessen sollte man sich mal wieder mit alten Freunden, Weggefährten und Kollegen dem Genuss hingeben – und wider die Vernunft Dinge aushacken, die uns begeistern, hochgradig irrsinnig sind und uns vermutlich keine Likes bei Insta einbringen.

Es ist mal wieder Zeit für Schnapsideen.