Wer heute seine Sommerferien in Albanien verbringen möchte, erntet, zumindest in meiner Bubble, ungläubige Blicke. Die Region sei doch schon vor 10 Jahren „durch“ gewesen. Da gäbe es heute nur noch Tourifallen und Nippes, der rauhe Charme der K&K Zeit, die Erlebnisse eines Günther Buchheim suche man da vergebens. Allein wir ließen uns nicht beirren.
10 Länder und 4 Wochen später fällt das Fazit etwas differenzierter aus: Wer die Küste elegant vermeidet und sich wie schon die Freischärler und Systemverweigerer längst vergangener Jahrhunderte in die Berge zurückzieht, wird mit vielen Dingen verwöhnt, die man zuletzt noch für naturgegeben hingenommen hat: Lidl freie Länder!
Ein gutes Indiz für gemütliche Ecken, die zum längeren Verweilen einladen – der Balkanlackmustest sozusagen – ist die Dichte an älteren Fahrzeugen, manchmal auch antiker Modelle im Straßenverkehr. Während der Honza in der Kapitale mit dem 10 Jahre alten X7 einen auf dicke Hose macht, sagen sich in den Bergen noch Zastava und Yugo gute Nacht. Und während hierzulande gerade auf chinesische Plaste umgestiegen wird, schwebt der Südslawe noch im 2er Golf über die Chausseen. In Erinnerung geblieben ist mir folgende Szene in Nis: Ein Pferdekarren nahm einem Tesla die Vorfahrt.
Und für die ganz kühnen, wagemutigen empfehle ich das Land der Illyrer, auch bekannt als Land der unbeleuchteten Tunnel. Während man hierzulande mit 120km durch einen korrekt entlüfteten, hell ausgeleuchteten Tunnel durch die Berge brettert, fährt man auf dem südlichen Balkan eher vorsichtig, die Sonnenbrille schnell abnehmend und hupend durch die noch mit Hammer und Sichel, ähm Meißel, geschlagenen Felsröhren. Wo die Tunnel eng und dunkel sind, da fahret hin.
Spätestens im Kosovo – wegen seiner endlosen Waschstraßen und zahllosen, an neu geschaffenen Landstraßen liegenden Baumärkten auch als Kosovo County bekannt – kommt man nicht umhin, seine Filter neu zu justieren. Die Schnurrbart tragenden Männer in Pluderhosen, die den ganzen Tag im Teekhane klemmen, sitzen längst im 2er Golf auf dem Weg zum Baumarkt, um sich eine Klimaanlage zu kaufen. Ivo Andric ist tot, es lebe Ivo Andric.Kurzum, es gibt sie noch oder immer wieder, die tollen Ecken, die inspirierenden Begegnungen mit dem oft auch noch deutschsprechenden Fremden auf dem Balkan, aber die Signifiants haben sich verändert. Und somit muss man wieder selbst Hand anlegen, auf Menschen zugehen und offen für Neues sein. Reisen ist anstrengend, aber das will ja immer niemand glauben. Wer nur seine Klischees abreisen möchte, für den ist der Balkan vermutlich „durch“, für alle anderen eine der am wenigsten satten Regionen der alten Welt.


