Allgemein Reiseberichte Zeitgeist

Ciao Ragazzi

in der 2. Lebenshälfte liegen die angesteuerten Reiseziele nicht mehr ganz so weit weg von der eigenen Haustür. Im Gegensatz zu den wilden 20er und 30er Jahren zieht es uns heute nolens volens zunehmend in Regionen, die noch mit erdgebundenen Transportmitteln erreichbar sind. Ein Schalk, wer dabei Böses denkt.

Obwohl die finanzielle Ausstattung nie besser war, scheint es mit steigendem Verdienst eine Rückkehr der Naherholung zu geben. Hängt das womöglich mit der zunehmenden Einsicht zusammen, dass das Mikro-Adventure weniger schlechtes Gewissen macht? Oder liegt es an den Wehwehchen, die einen täglich plagen und somit die Fernreise im 76cm Format in exotische Länder zunehmend vermiesen. Auffallend häufig wird bei meinen Lieblingssendungen heutzutage für Slipeinlagen, Hörgeräte und Rückensalben geworben? Alles Zufall, sicherlich.

Wie dem auch sei, unsere Reise nach Rom, war natürlich nur aus dem Wunsch heraus entstanden, Hochkultur in Reinform zu genießen. Warum sollte man sonst nach Rom reisen? Und auch nur der Kinder wegen reisten wir mit dem Nachtzug an. Hallo!

Um es vorwegzunehmen, es hat sich gelohnt. Rom ist eine faszinierende Stadt, die man selbst in einer Woche nicht mal ansatzweise einordnen und verorten kann. Wenn man jedoch die letzten Jahrzehnte eher auf der Fernstrecke unterwegs war, fällt eins in Rom sofort auf: Man ist nicht allein – dem demografischen Wandel sei Dank! Offenbar gibt es auch andere Reisende, die qua ihres Alters nun ebenfalls ihr Heil auf der Kurzstrecke zu suchen scheinen. Bravo. Die Korrelation dieser beiden Phänomene äußert sich, um es mal platt zu formulieren – in langen Schlangen. Genau gesagt in langen Schlangen älterer Menschen vor den touristischen, hier vor allem kulturellen Highlights der Stadt. Hätte man sich ja auch denken können. Wer aber der Meinung ist, Anstellen wäre etwas für Best Ager, der täuscht sich. Die GenZ queued genauso ab wie die Alten – nur vor Restaurants, Eisdielen und manchmal sogar vor Cafés. Zugegeben: Oft habe ich nicht rausfinden können, warum genau vor diesem Laden die Schlange so lang war, wie früher nur vor der Kaufhalle, wenn‘s Bananen gab. Augenscheinlich herrscht in Rom ein Fight um die längste Schlange.

Während also die einen von Likes, Influencern und social media gehunted werden – und vermutlich der Meinung sind, ohne das Bild vom hippen veganen Gelato aus der angesagten römischen Eisbude bei Insta abgestraft zu werden; folgen die älteren Semester noch analogen Ratgebern im Printformat. Soll ja auch nachhaltiger sein. Ganz ohne geht’s dann scheinbar aber bei keiner Generation.

Und wie so oft bleibt am Ende nur die Erkenntnis, dass es auf Reisen offenbar nicht vordergründig darum geht, neue Dinge zu entdecken, andere Menschen kennenzulernen oder noch viel krasser – unbekannte Abenteuer zu erleben. Nein, vielmehr möchte man Bekanntes konsumieren und dadurch seine Persönlichkeit, Einzigartigkeit und soziale Distinktion unterstreichen. Ob Nah- oder Fernerholung spielt dabei keine Rolle. Schade eigentlich. Dabei hat Rom so viel mehr zu bieten, was das Potential hätte, unsere deutschen Sichtweisen auf so viele Dinge des Alltags zu entstauben. Aber da ist man schon wieder weg und erzählt den Daheimgebliebenen von den Merkwürdigkeiten des modernen Tourismus.